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Baikal – Eistrekking um die Insel Olchon
14 Tage Trekking und Erlebnisreise auf und am Baikalsee

Reisezeitraum: März 2019
Ein Reisebericht von Runhild und Steffen Dörfel

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Winston Churchill meinte einmal: „Russland ist ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium.“ Zumindest regt dieses riesige Land die Phantasie an. Wir haben Bilder und Filme gesehen, haben Berichten gelauscht und können uns dennoch nicht wirklich vorstellen, was auf uns zukommt bei einer Winterreise zum und auf den Baikalsee. Haben wir uns das wirklich richtig überlegt? Oder haben wir uns und unseren Mut überschätzt? Das können wir nur feststellen, indem wir diese Reise machen, also werden warme Sachen eingepackt und los geht es!

Zunächst machen wir in Irkutsk Station, einer Großstadt, die aus einem Wirrwarr von Großbauten á la Stalinära, Freiflächen, zusammengefallenen Hausruinen und Holzhäusern in unterschiedlichstem Pflegezustand besteht. Die Holzhäuser stehen unter UNESCO- und unter Denkmalschutz und es gibt schöne Gebäude, an denen man erkennen kann, mit wie viel Liebe und Mühe und sicherlich auch Geld damals die Straßenfront oder auch das gesamte Haus geschmückt wurde. Über den Fenstern, den Türen, an den Giebeln findet sich Schnitzwerk. Die ältesten Beispiele zeigen wirklich noch Schnitzwerk, später ging man dann dazu über, Muster mit Schablonen auf Bretter zu zeichnen und diese auszusägen. Heute beherrscht leider niemand mehr die ursprüngliche Kunst der Fensterschnitzerei. Viele der Holzhäuser sind ohne Fundament gebaut und versinken mit den Jahren im Boden. So muss man zu den meisten bereits hinabsteigen, wenn man sie betreten will und die eigentlich typisch weit oben im Raum eingesetzten Fenster sind nun (von außen gesehen) in normaler Höhe oder sogar bereits recht tief befindlich. Wir hoffen sehr, dass man diese Häuser erhalten kann.

Wir besuchen die Promenade an der Angara, wo Irkutsk gegründet wurde, und schauen uns die alte orthodoxe Kirche aus dem 17. Jahrhundert an, die innen aber neu bemalt wurde. Dabei hat man auch ein Bild von der Erschießung der Zarenfamilie durch die Bolschewiken in die Wandmalerei geschmuggelt, das man nur entdeckt, wenn man darauf hingewiesen wird. Denn die Wände und die Decke sind komplett bemalt, das kann man gar nicht alles im Einzelnen erfassen. Vor der Nachbarkirche, die mit uralten Fresken an der Außenmauer glänzt, die die Taufe der Burjaten darstellen, marschieren Schüler zur Wachablösung für die ewige Flamme. Manches hat sich also nicht verändert seit Sowjetzeiten. Immer wieder treffen wir beim Gang durch die Stadt auf interessante oder übliche Skulpturen und Denkmäler, dabei darf Lenin oder einer der Zaren natürlich nicht fehlen.



Eigentlich soll noch die Kontrolle unserer Ausrüstung fürs Eis stattfinden, diese wird dann jedoch nur auf eine Abfrage reduziert. Wir haben auf eine Komplettausrüstung aus Daune verzichtet, vertrauen auf die Kombination der vorhandenen Dinge und des Zwiebelprinzips. Da in diesem Jahr ein milder März herrscht, haben wir damit auch Glück und werden nicht frieren. Dann werden die beiden Autos samt Anhänger beladen und das eigentliche Abenteuer Baikalsee beginnt. Zunächst werden wir allerdings auf einer 200 km langen Autofahrt etwas müde. Die Landschaft erscheint recht eintönig: Steppe, ab und an ein kleines Birkenwäldchen, bei dem ich immer an die russischen Märchen denken muss und auf das Auftauchen eines Iwanuschkas warte. Dabei hatten wir uns Sibirien als Taiga vorgestellt. Doch wir befinden uns nahe der Mongolei und so sieht es hier auch aus.



In dieser Region gibt es einen bunten Religionsmix: neben dem orthodoxen Glauben finden sich auch Juden, Moslems, Buddhisten und Menschen, die dem Schamanismus vertrauen. Und wer ganz sicher gehen will, der sucht vor einer geplanten OP den Schamanen auf, um den richtigen Termin bestimmen zu lassen, opfert im buddhistischen Tempel für gutes Karma und lässt den orthodoxen Popen ein Gebet lesen. Der Schamanismus ist überall zu sehen, denn die heiligen Punkte liegen oft am Weg und sind durch Pfähle gekennzeichnet, an die früher Lederbänder oder solche aus Pferdehaar gebunden wurden und die heute durch bunte Stoffstreifen geschmückt sind. Eilige Autofahrer werfen im Vorbeifahren rasch eine Handvoll Reis als Opfergabe aus dem Fenster, überall liegen Münzen. Wir haben bisher nicht geopfert, das wird mit einem platten Reifen am Anhänger bestraft – unser Abenteuer geht ja gut los!

Während wir mit Dima auf den Aussichtsberg Schebete steigen, baut Matwej das Rad ab und fährt ins nächste Dorf. Dort bekommt er zwar nicht ganz den richtigen Reifen, aber mit etwas Improvisation kann auch dieser verwendet werden. Vom Berg haben wir inzwischen eine tolle Aussicht auf den Baikal, der uns blaues Eis präsentiert, das mit zahllosen Rissen fast schachbrettartig aufgeteilt ist. Mitten auf dem See sehen wir eine kleine Kolonne Wanderer mit ihren Pulkas, etwas weiter entfernt Autos und am gegenüberliegenden Ufer die schneebedeckten Berge des Baikalgebirges.



Nach einem stillen Moment ehrfürchtigen Staunens ist unsere Vorfreude auf das Eiserlebnis geweckt und wir lassen uns bei der 40 km langen Fahrt über die Eisstraße zur Insel Olchon vom Eis unter den Rädern, von den Eismassen und –skulpturen an den Steilhängen und von dem wundervollen Licht der untergehenden Sonne auf die kommenden, spannenden Tage einstimmen.
Die abendlichen -9°C sind mit verschiedenen Sorten Wodka (pur, mit Chili, mit Meerrettich, mit Pinienkernen) und einem Besuch der zur Unterkunft in Chuschir gehörenden Banja gut auszuhalten. Dima weiht uns in die speziellen Riten eines zünftigen russischen Saunabesuchs ein: gegen die Hitze im Kopf trägt man einen Filzhut, die Birken- bzw. Tannenzweige werden angefeuchtet und erhitzt, erst dann wird mit ihnen gewedelt, gestreichelt, getupft und schließlich mehr oder weniger sanft oder kräftig geschlagen. Anschließend bekommt man gleich einen ordentlichen Schwapp kaltes Baikalwasser übergegossen und damit ist der erste Saunagang abgeschlossen.
In Chuschir gibt es auf dem Kap Burchan den berühmten Schamanenfelsen, den wir natürlich besuchen. Hier fanden Beschwörungen und Weissagungen statt, wobei die Menschen besonders dadurch beeindruckt waren, dass der Schamane Chan-Ghoto-Baabeu durch den Felsen gehen konnte – den kleinen Eingang in einen kurzen natürlichen Tunnel zum ebenfalls schmalen Ausgang sieht man nur, wenn man unmittelbar davor steht. Und so schien es den Menschen, als würde der Schamane in den Felsen ein- und wieder aus ihm auftauchen, was ihm unglaubliche Kräfte verlieh und ihn weithin berühmt machte. Wir opfern an den bunten Pfählen für eine gute Reise und bewundern dann ausgiebig den unglaublich schönen Blick über den See.



Auch wir denken: doppelt hält besser und so machen wir noch einen Abstecher zu einer kleinen Insel, auf der eine buddhistische Stupa thront, die wir dreimal umrunden. Die steilen Felsen der Insel sind ca. zwei Stockwerke hoch und voller Eis. Es gibt Säulen, Höhlen, Wellen und völlig klare Eisscherben. Manchmal sieht es aus, als wäre ein Wasserschwapp an den Felsen geprallt und sofort gefroren, bizarre Eisfinger recken sich fast waagerecht aus der Wand. Durch die Gischt sind die oben auf den Felsen stehenden Bäume und Sträucher zu zauberhaften Eisskulpturen gefroren und beflügeln die Fantasie.



Wir queren die Insel Olchon, beladen die Pulkas, und ziehen diese auf dem in diesem Jahr nur spärlich vorhandenen Schnee hinab in die Bucht, die der Startpunkt unseres Eistrekkings ist. Dort könnten wir alle gemeinsam in einer Jagdhütte nächtigen, entscheiden uns aber für den Zeltaufbau am Ufer. Nach einem wunderschönen Sonnenuntergang und einem ersten Spaziergang auf dem Eis, bei dem sich unter das Knacken, das die Spikes bei jedem Schritt verursachen, auch immer wieder ein „Rums“ durch das berstende Baikaleis mischt, erwartet uns Matwej mit einem leckeren Eintopf, den er über dem offenen Feuer gekocht hat. Wir bringen unsere Hoffnung auf eine tolle Woche auf dem Eis zum Ausdruck und dann verschwinden alle in den Schlafsäcken.



Die Tage auf dem Eis beginnen mit dem Frühstück um 8 Uhr. Nach Zeltabbau und Pulkapacken starten wir dann gegen 10 Uhr, laufen eine Stunde und machen zehn Minuten Pause. Mittags gibt es Brote, die bereits für die ganze Woche vorbereitet sind und manchmal mit dem Fahrtenmesser voneinander getrennt werden müssen, da sie in der Kälte angefroren sind. Auf dem Eis schmeckt uns Brot mit eingelegtem Speck besonders gut, aber auch die Salami wird gern gegessen, die Käsebrote sind dann eher ein Dessert. Wobei unsere beiden Begleiter auch immer etwas Süßes auftischen: Kekse, russisches Konfekt, getrocknetes Obst. Morgens füllen wir unsere Thermoskannen mit Tee, so ist ein zünftiges Picknick auf dem Eis gesichert. Gekocht wird übrigens mit Gaskartuschen oder auf dem Holzofen im Gemeinschaftszelt. Das Holz haben unsere Männer mit einer Säge, die nur aus der Zahnkette einer Motorsäge bestand, an deren Enden sich zwei Griffe befanden, in handliche Stücke gesägt. Jeder hat davon etwas, wie auch von der Verpflegung für die fünf Tage, neben Zelt, Isomatte, Schlafsack und dem privaten Gepäck auf seiner Pulka zu transportieren. Aber die rutschen recht leicht über das glatte Eis. Bei Schnee oder den Eisaufwürfen an den Spalten ist es teilweise schwieriger, da kippt auch mal die eine oder andere Pulka um, aber der Hintermann ist dann rasch zur Stelle, um helfend Hand anzulegen. In den fünf Stunden Wanderung täglich legen wir Luftlinie zwischen 15 und 25 km zurück, wobei wir meist längere Strecken laufen, da man wegen der Spalten, die man umgehen muss, oder wegen zu hoher Eisaufwürfe ja nicht der Ideallinie folgen kann. Abends merkt man dann in den Füßen das ungewohnte Laufen mit den Spikes auf dem harten Eis und in den Schultern spürt man, dass man die Stöcke kraftvoll einpiken muss, um Halt zu haben und ist froh, dass man sich nun ausruhen kann. Wir begegnen unterwegs wenigen Menschen, es ist viel Platz auf dem See, mal beobachten wir in der Ferne Fahrradfahrer, mal stören uns die lauten Motoren von Bikern und Quadfahrern, mal sehen wir andere Trekker, die zu Fuß oder mit Schlittschuhen unterwegs sind.



Wir erfreuen uns an der Ruhe und lassen beim Laufen die Gedanken spazieren oder schauen und genießen. Das Eis ist unbeschreiblich schön und unglaublich vielfältig. Wenn man nach ein paar Tagen denkt, dass man nun doch schon alle Varianten gesehen haben müsste, dann entdeckt man doch wieder eine neue: es gibt Wölkcheneis, eine gefrorene Suppe aus Eisstückchen, schüsselförmig gefrorenes Eis, Blasen, die wie von Kindern gemalte Mondgesichter aussehen, zweidimensionale Skulpturen, die wie filigran gezeichnete Flechten unter der Eisoberfläche erscheinen, es sind kleine Krebstierchen oder auch mal ein Fisch eingefroren, es gibt Risse an der Oberfläche oder weit in der Tiefe, manche Risse sind schnurgerade, andere ausgefächert wie ein Baum, sie schillern in Gold- und Silbertönen oder leuchten blau und schneeweiß. Am schönsten ist jedoch das ganz klare und spiegelglatte Eis, das durch die enorme Tiefe des Wassers darunter schwarz wirkt. Man mag gar nicht drauftreten, denn es scheint ein Schritt ins Nichts zu sein und andererseits weiß man, dass man mit diesem Schritt diese perfekte Fläche zerstört und die vollkommene Schönheit zerkratzt. Das Eis ist so glatt, ohne Spikes könnte man gar nicht darauf laufen, man fände keinen Halt und würde wie die sprichwörtliche Kuh ausrutschen und auf dem Bauch oder Hintern landen. Wenn etwas Wind herrscht, dann muss man sehr aufpassen, denn sobald man etwas auf das Eis fallen lässt wird es vom Wind meilenweit weggeweht und ist kaum wieder einzufangen. Es sei denn, man wagt einen Hechtsprung, wobei man sich der sehr harten Landung bewusst sein sollte. Uns zeigt Sibirien nur ansatzweise, wie es mit richtigem Wind sein könnte: nachts haben wir eine Andeutung von Sturm, an einem Tag haben wir zwei – drei Stunden starken Rückenwind und müssen aufpassen, dass uns die Pulka möglichst seitlich überholt und weder uns noch unserem Vordermann in die Waden saust, denn das gibt schmerzhafte blaue Flecken. Leider kann man sich nicht einfach auf die Pulka setzen und sich treiben lassen, denn das Lenken mit den Stöcken ist zu kompliziert. An einem anderen Tag haben wir ca. zwei Stunden Gegenwind und da sind wir wirklich froh, dass das nur eine kurze Episode ist, denn die Pulkas sind im Gegenwind plötzlich doppelt schwer und die Temperaturen fühlen sich doppelt niedrig an. Beim Zeltaufbau hat jeder seine Strategie entwickelt, damit weder das Zelt oder das Gestänge, noch Isomatten oder Schlafsäcke fortfliegen. Alles wird festgebunden, sobald der erste Hering ins Eis gebohrt ist. Unsere Heringe sind Hölzchen, die in ein Loch gesteckt werden, das mit einer Eisschraube gebohrt wird. Manchmal muss man die Heringe passend schnitzen, schneidet man zu viel vom Holz ab, dann kann man sie mit einem Schluck Wasser einfrieren lassen, bekommt sie aber am nächsten Morgen nicht mehr gelöst. Für solche Fälle haben unsere Guides natürlich ein Säckchen mit Ersatzhölzchen mit. Auch nachts sollte man die Pulkas ordentlich sichern, sonst ist man bei aufkommendem Wind gezwungen, aus dem warmen Schlafsack zu klettern und dem wertvollen Schlitten hinterher zu laufen, schließlich will man ja am nächsten Tag nicht das Gepäck tragen. Russland mag uns jedoch und so haben wir alle Tage auf dem Eis strahlenden Sonnenschein und nur wenige Grad unter Null, nachts wird es nicht kälter als -15°C und unsere Schlafsäcke mit Fleeceeinsatz plus warmer Unterwäsche reichen völlig aus.



Am 08. März haben wir mehrere Gründe zum Feiern: es ist Frauentag, der in Russland noch als Festtag begangen wird, wir erreichen den tiefsten Punkt des Sees und campen mit 80cm Eis und 1637m Wasser unter dem Zeltboden und wir haben Robben gesehen. Die Süßwasserrobben leben mehr in Seemitte und haben leider eine recht hohe Fluchtdistanz. So können wir die Gruppe von Weibchen mit Jungtieren und das einzelne Männchen nur mit dem Fernglas beobachten. Abends servieren uns die Guides Schwarzbrote mit rotem Kaviar und es gibt Selbstgebrannten und Torte. Da wir dann alle in guter Stimmung sind, wird gesungen. Dima und Matwej stimmen voll Inbrunst das Lied vom „Großen Baikal“ an, gemeinsam singen wir dann „Immer lebe die Sonne“. Nachts macht das Eis mit Krachen und Knacken seine eigene Musik, es klingt wie ein Feuerwerk. Passend dazu haben wir einen wundervollen Sternenhimmel. Tausend Sterne sind ein Dom – da haben wir hier mehr als nur einen.

Am Nordkap begegnen wir wieder Menschen, das ist nach den Tagen der Stille fast ein Kulturschock: Ich zähle 30 Autos von Wochenendausflüglern, es gibt sogar einen Glühweinstand. Das Nordkap teilt den Baikal in „das große und das kleine Meer“, wie die Einheimischen den See nennen. Die Felsen ragen deutlich in das Gewässer hinein und hier schmilzt auch zuerst das Eis. Unsere letzte Nacht auf dem See, die noch einmal knackig kalt ist, verbringen wir also auf der Seite des kleinen Meeres. Hier ist das Eis nicht mehr so schön, und hier liegt auch deutlich mehr Schnee. Der lässt fast vergessen, dass wir auf dem See zelten, doch das Knacken des Eises, das in der Stille der Nacht dann wieder deutlich zu hören ist, erinnert uns daran. Wir träumen von weichen Betten, von einer warmen Dusche und einer heißen Banja – alles Dinge, auf die wir uns nach fünf Tagen auf dem Eis sehr freuen. Und doch fällt uns der Abschied vom See nicht leicht, denn die Eindrücke waren einmalig, ganz besonders und unbeschreiblich. Es wird uns schwerfallen, dies den Zuhausegebliebenen zu vermitteln. Nicht nur unsere Eistage sind beendet, auch das schöne Wetter ist vorbei. Da fällt es dann nicht ganz so schwer, den Baikalsee zu verlassen und wieder die ermüdend lange Autofahrt nach Irkutsk vor sich zu haben. Diesmal halten wir an einem anderen Schamanenberg, dem Sachuerte, an, um die bis zu 4000 Jahre alten Felszeichnungen zu bewundern und nach dem Aufstieg einen letzten Abschiedsblick auf den Baikalsee zu werfen.



In Irkutsk halten wir uns nicht lange auf, denn bereits am Abend wartet die Transsib auf uns, mit der wir die Nacht durch nach Ulan-Ude, der Hauptstadt der Burjatischen Autonomen Republik, fahren, wo noch ein kulturelles Abenteuer auf uns wartet. Dieses Städtchen gefällt uns richtig gut. Es gibt sehr gut restaurierte Holzhäuser mit wunderschönen Schmuckelementen an den Fassaden, es gibt eine Fußgängerpassage und ein stimmiges Stadtensemble. Im Sommer, wenn die Blumenbeete grün und bunt blühend sind, dann ist es sicher sehr angenehm, hier zu leben. Natürlich findet man auch hier am zentralen Platz die typischen Stalinbauten, geschmückt mit Hammer, Sichel und Sowjetstern, und vor dem „größten Leninkopf der Welt“ sieht man die Orientierungslinien für die Paraden. Am Theater wird morgen Abend „Tosca“ aufgeführt mit Gastsängern aus St. Petersburg und der Mongolei. Das würde gerade noch in unseren Zeitplan passen …



Zunächst besuchen wir besuchen die größte buddhistische Klosteranlage der Region, auf deren Gelände sich auch eine Universität befindet, in der die Klosterschüler tibetische Medizin, Mandalamalerei oder buddhistisches Lehramt studieren können. Leider haben wir keine Zeit, um uns einfach nur einmal hinzusetzen und uns einzufühlen in die besondere Atmosphäre. Wie gern hätte ich das Sandmandala in Ruhe betrachtet, denn es ist unglaublich, mit welcher Präzision mit farbigem Sand die feinsten geometrischen Muster und die sehr detailreichen Bilder geschaffen wurden. Wieviel Konzentration und Ruhe in Geist und Hand erforderlich sein müssen, um solch ein Kunstwerk zu erschaffen! Dass eine große Hingabe notwendig ist, das ist dem Bild anzusehen. Und dass das Mandala dann später einfach zerstört wird, nur um in wochenlanger Arbeit ein neues zu gestalten, das ist schon fast tragisch.



Doch wir müssen weiter, es geht schon zum Dorf der Altgläubigen. Dort werden wir mit einem überreichlich gedeckten Tisch zum Mittagessen erwartet. Alles ist selbst gebacken, gekocht, eingelegt. Selbstgebrannter wird immer wieder eingegossen und Trinksprüche werden ausgebracht. Die traditionell gekleideten Gastgeber stimmen Lieder an, der Opa spielt die Balalaika, die Oma dreht sich auch schon mal im Tanz und animiert uns zum Mitmachen, aber die Deutschen bringen gerade einmal jeweils eine Strophe von zwei Volksliedern zustande, was traurig, aber typisch ist. Vollgestopft mit Piroggen, gefüllt mit Fisch, mit Pilzen, mit Blaubeermarmelade oder Preiselbeeren, mit eingelegtem Gemüse, leckerer Hühnersuppe, Milchreis mit Kompott und, und, und machen wir noch einen Spaziergang durch das recht große Dorf. Die bewohnten Gebäude haben eine bunt bemalte und freundlich wirkende Fassade zur Straße hin. Im Haus gibt es den typischen, russischen Ofen, gekocht wird auf dem Holzfeuerherd. Die Frauen erzählen von ihren Bemühungen, die Traditionen z.B. mit Volksmusikchören zu erhalten. Sie kleiden zwei unserer Mitreisenden in die traditionellen Gewänder, wobei sie uns die Bedeutung der einzelnen Kleidungsstücke erklären, die die junge Frau alle selbst herzustellen hat. Dann spielen sie uns noch vor, wie eine Eheanbahnung abläuft, die eher einer Verhandlung gleicht, wobei sich die beiden jungen Menschen in der Regel gar nicht kennen. Die Mütter feilschen miteinander um den Wert ihrer Kinder und preisen sie mit blumigen Vergleichen an. Das ist sehr lustig. Nach dem Spaziergang überreichen wir noch unsere Gastgeschenke und mein Dresdner Stollen kommt gut an, auch wenn er erst nach der Fastenzeit gegessen werden wird. Stollen schmeckt ja sowieso Ostern am besten und dann ist die Fastenzeit ja auch vorüber.



Herzlich werden wir verabschiedet und dann müssen wir uns beeilen, um noch rechtzeitig ins Theater zu kommen. Gut, dass die Burjaten es mit der Pünktlichkeit auch nicht so genau nehmen, in Deutschland hätten wir bei unserer zehnminütigen Verspätung vor verschlossenen Türen gestanden, hier sind wir nicht einmal die letzten Zuschauer, die eintrudeln. Aber dann erwartet uns ein tolles Opernerlebnis mit einem wunderschönen Bühnenbild, das wir leider jedoch prompt mit dem Fall des letzten Vorhanges verlassen müssen, um den Nachtzug zurück nach Irkutsk zu erreichen.

An unserem letzten Tag wollen wir den Fischmarkt in Listwjanka, einem typischen Urlaubsort am Baikalsee, besuchen. Da es jedoch schneeregnet, ist dort nicht viel los. Das Eis auf dem Baikalsee ist grau und rau und mit Schneematsch bedeckt – was hatten wir doch für ein Glück mit unserem Urlaub! Immerhin kosten wir einen Salat aus rohem Omul, dem endemischen Baikalfisch, und kaufen Tee, der gegen alle möglichen Krankheiten empfohlen wird. Wir besuchen ein Freilichtmuseum in Talzy, in dem Holzhäuser aus vielen Regionen Burjatiens oder Russlands aufgestellt sind und man sich von der Kunst des Holzhausbauens und dem Leben früherer Generationen ein gutes Bild machen kann.



Ein fröhliches, gemütliches und leckeres Abschiedsessen mit Dankesreden und entsprechenden Trinksprüchen beendet unseren diesjährigen Russland- oder Sibirienaufenthalt. Wir haben die Zeit und die herzliche Gastfreundschaft der Menschen wieder sehr genossen. Wir sind sehr froh, dass Sibirien uns mag und uns deshalb mit tollem Sonnenwetter, wenig Kälte und noch weniger Wind verwöhnt hat und kommen gern einmal wieder.



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